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„Zoll bremst nicht. Schlechte Vorbereitung schon.“ Unsere Zoll-Expertin Yvonne Bono im Interview

vor 7 Tagen
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Stunden


Yvonne Bono, Zoll-Expertin bei LGX Logistics

Wenn eine Sendung im internationalen Warenverkehr ins Stocken gerät, fällt der Verdacht oft schnell auf die Behörden: Der Zoll habe die Ware aufgehalten, Prozesse seien zu bürokratisch oder Vorgaben schlicht undurchsichtig. Doch wer den Welthandel tagtäglich begleitet, kennt die andere Seite der Medaille: Die meisten Verzögerungen beginnen lange, bevor die Ware überhaupt die Grenze erreicht.


Auf unserem LinkedIn-Kanal gibt unsere Zoll-Expertin Yvonne Bono seit einigen Monaten immer wieder Einblicke in ihren Alltag. Ob neue EU-Vorgaben, die typischen Stolperfallen bei Incoterms oder die berühmten Fragen, die man lieber von uns hört als vom Zollbeamten – das Feedback aus unserem Netzwerk war eindeutig: Das Thema brennt Unternehmen unter den Nägeln.


Grund genug, das Ganze in einem ausführlichen Gespräch zu vertiefen. Im Interview erklärt Yvonne, warum der Zoll niemals an das Ende einer Lieferkette gehört, welche Neuerungen die Branche aktuell fordern und weshalb LGX lieber dreimal zu viel nachhakt, bevor ein Frachtstück das Lager verlässt.


Yvonne, wer uns auf LinkedIn folgt, kennt deinen Satz: „Zoll bremst nicht. Schlechte Vorbereitung schon.“ Warum wird der Zoll in der Praxis trotzdem so oft als Sündenbock hingestellt?


Weil der Zoll nun einmal die Stelle ist, an der Fehler sichtbar werden. Wenn in der Vorbereitung etwas schiefgelaufen ist – eine ungenaue Warenbeschreibung, ein falscher Incoterm oder unvollständige Frachtdokumente –, merkt man das während des reinen Transports auf dem Schiff oder im Flugzeug meistens gar nicht. Erst an der Schnittstelle zur Abfertigung bleibt die Sendung hängen. Dann heißt es schnell: „Der Zoll blockiert uns." In Wahrheit deckt die Zollstelle aber meist nur auf, an welchen Stellen die internen Prozesse vorher gehinkt haben.


Viele Unternehmen betrachten Zollprozesse als notwendiges Übel, das man eben kurz vor dem Abflug oder dem Auslaufen des Schiffs erledigt. Wo liegt der Denkfehler?


Genau darin: Zoll wird als bürokratisches Anhängsel ganz am Schluss gesehen. Doch Zoll gehört an den Anfang der Kette, nicht ans Ende. Wer erst darüber nachdenkt, wie die Ware deklariert wird, wenn sie schon auf dem Lkw zum Flughafen steht, hat das Risiko schon an Bord. Eine saubere Tarifierung, verlässliche Ursprungsangaben und ein passender Incoterm müssen stehen, bevor der Auftrag überhaupt in die Abwicklung geht. Wenn diese Stammdaten stimmen, geht die eigentliche Abfertigung oft blitzschnell.


Ein Thema, das auf LinkedIn für viel Schmunzeln gesorgt hat, waren deine „3 Fragen, die man lieber von uns hört als vom Zoll“. Welche Fragen sind das genau?


Die erste Frage lautet schlicht: „Habt ihr alle Unterlagen wirklich vollständig?" Das klingt banal, aber fehlende Rechnungen oder unklare Packlisten sind Ursache Nummer eins für Rückfragen. Die zweite Frage dreht sich um die Incoterms: „Welche Klausel gilt für diese Lieferung?" Denn davon hängt nicht nur ab, wer Fracht und Versicherung bezahlt, sondern wie sich der Zollwert berechnet – Fehler werden hier schnell richtig teuer. Und die dritte Frage betrifft die Details: „Könnt ihr uns die Ware bitte genauer beschreiben?" Angaben wie ‚Maschinenteile' oder ‚Elektronikzubehör' reichen den Behörden heute schlicht nicht mehr. Ist die Warenbezeichnung zu ungenau, weist der Zoll die Anmeldung zunächst einfach zurück – dann muss genauer nachgebessert werden. Bleiben danach noch Zweifel, verlangt der Zoll oft die Handelspapiere zur Prüfung. Passt das, was wir angemeldet haben, dann immer noch nicht plausibel zu den Dokumenten, kommt es zur Zollbeschau. Bei bestimmten Warenarten, die als „kritisch" eingestuft sind, wird ohnehin unabhängig davon beschaut. In jedem Fall bedeutet das schnell mehrere Tage Verzögerung – und Lagergelder lassen sich dann kaum vermeiden. Deshalb fragen wir von Anfang an genau nach. Unser Motto lautet da ganz klar: Better safe than sorry.


Tanja Pröger und Yvonne Bono von LGX Logistics, sie sitzen gemeinsam auf einem Segelboot während der Workation von LGX auf Mallorca 2026.
Leinen los: Yvonne und Anna bei unserer Workation 2026 auf Mallorca

Gibt es aktuell ein Thema, das Kunden besonders häufig überrascht?


Ja, ganz klar die Antidumpingzölle. Viele Waren wurden vor Monaten bestellt, ohne dass sich zwischenzeitlich jemand mit dem Zolltarif befasst hat. Oft erfahren unsere Kunden erst von uns, dass Antidumpingzölle fällig werden – und zwar genau dann, wenn die Ware in Deutschland eintrifft und uns die Handelsdokumente sowie die genaue Warenbezeichnung und Tarifierung vorliegen. Das Erstaunen ist dann groß, wenn zu den regulären Zollabgaben plötzlich bis zu 70 % zusätzlicher Antidumpingzoll hinzukommen. Für die Kunden stellen sich in diesem Moment ganz existenzielle Fragen: Rechnet sich der Import überhaupt noch? Lässt sich der Verkaufspreis noch anpassen? Ist die Warenbezeichnung wirklich präzise genug – und stimmt die Zolltarifnummer tatsächlich? Genau hier zeigt sich, wie wichtig frühzeitige Beratung ist.


Die Anforderungen an die Datenqualität steigen ohnehin kontinuierlich. Mit welchen Entwicklungen müssen sich importierende und exportierende Unternehmen aktuell auseinandersetzen?


Die EU-Zollreformen und die zunehmende Digitalisierung sorgen dafür, dass Systeme immer transparenter und automatisierter ineinandergreifen. Vorabdaten müssen deutlich früher und präziser elektronisch übermittelt werden – oft schon, bevor die Ware überhaupt verladen wird. Verantwortlichkeiten werden schärfer definiert, und Datenfehler fallen durch automatisierte Prüfungen sofort auf. Ich sage immer: Zoll wird nicht zwingend komplizierter, aber deutlich konsequenter. Wer heute unsaubere Stammdaten pflegt, bekommt das unmittelbar zu spüren – in Form von Wartezeiten, Liegegeldern und empfindlichen Nachzahlungen.


Was bedeutet dieser Wandel für die Rolle von LGX? Versteht ihr euch noch als Spedition im klassischen Sinne?


Reines Frachtabwickeln reicht heute nicht mehr aus. Ein Transport von A nach B ist austauschbar; der eigentliche Mehrwert liegt in der Beratung und in der Verantwortung, die man übernimmt. Wenn wir eine Sendung vorbereiten, schauen wir nicht nur auf den Flug- oder Fahrplan, sondern prüfen die Daten so genau wie möglich. Da ist sicher noch Luft nach oben – gerade beim Thema Zoll wollen wir noch schneller und direkter nachfragen, wenn uns etwas auffällt. Aber genau daran arbeiten wir kontinuierlich, denn am Ende ersparen wir unseren Kunden dadurch Tage des Wartens und bares Geld.


Wenn du einem mittelständischen Unternehmen drei einfache Ratschläge mitgeben müsstest, um Zollprobleme dauerhaft abzustellen: Welche wären das?


Erstens: Integriert das Thema Zoll fest in eure Beschaffungs- und Vertriebsprozesse, statt es isoliert zu betrachten. Zweitens: Haltet eure Stammdaten und Zolltarifnummern aktuell und verlasst euch nicht auf alte Tabellen aus der Schublade. Und drittens: Sucht frühzeitig den Dialog mit eurem Logistikpartner. Wenn alle Beteiligten – vom Einkauf über den Spediteur bis zum Empfänger – an einem Strang ziehen, gibt es keine Überraschungen an der Grenze.


Und wer trotzdem unsicher ist, was für die nächste eigene Sendung gilt?


Ganz einfach: Zum Hörer greifen oder uns eine Nachricht schicken. Wir schauen uns die Ausgangslage gemeinsam an und finden eine Lösung, die wirtschaftlich und rechtlich auf sicheren Beinen steht.


Liebe Yvonne, vielen Dank für den spannenden Einblick!

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